Die Miasmen


Der Begriff Miasma kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Befleckung". Früher sprach man von einem Miasma, wenn es einen äußerlichen Grund für Erkrankungen zu geben schien, den die Menschen damals aber nicht wirklich zuordnen konnten. Dabei konnte es sich um Ansteckungen oder aber auch um Vergiftungen (Gase, die am Fuße von Vulkanen aus den Erdspalten kamen o.ä.) handeln. Viren und Bakterien kannte man damals noch nicht, also sprach man von „Befleckung“ bzw. von „Miasmen“. Obwohl uns heutigen Homöopathen der derzeitige wissenschaftliche Stand der Medizin bekannt ist, sprechen wir weiterhin von „Miasmen“, wenn wir bestimmte Phänomenen meinen, die in der homöopathischen Praxis beobachtet werden.

Was sind das für Phänomene?

Wir beobachten, dass es Abweichungen vom Gesunden (Miasmen) gibt, die sich durch bestimmte Hinweise auszeichnen. Geht man diesen Hinweisen nach und analysiert sie, wird der Krankheitsverlauf plötzlich logisch und der Therapeut findet leichter zu heilenden homöopathischen Arznei.

1) Bestimmte Infektionen können unterschiedlichste Arten von Beschwerden nach sich ziehen (erworbene" Miasmen):

Wir beobachten z.B., dass ein Patient eine Krankheit erwirbt und von diesem Zeitpunkt an, immer neue Beschwerden unterschiedlichster Art auftreten. Diese Beschwerden kann man häufig einer Symptomengruppe zuordnen, so dass man relativ häufig sogar Rückschlüsse ziehen kann, welche Krankheit der Patient vor dem Auftreten seiner derzeitigen Probleme hatte.

Ein Beispiel für ein erworbenes Miasma:
Patientin, 35 J., Magenschleimhautentzündung, stand zur Magenspiegelung an, weil sie über Monate Magenprobleme hatte.
Die Anamnese ergab:
Mit 18 Jahren Eierstockentzündung
Bis 26 Jahre immer wieder Vaginalpilze
Mit 28 Jahren Genitalwarzen entfernt.
Die Krankheiten, die sie bisher hatte, weisen darauf hin, dass die Patientin vor deren Auftreten wahrscheinlich eine Infektion hatte, die den Stein in´s Rollen brachte und dazu führte, dass sie immer wieder im Genitalbereich erkrankte. Die Infektion zusammen mit dem Verlauf der Problemen, die danach kamen, bezeichnen wir als erworbenes Miasma Sykose.

Auf Nachfrage erklärte die Patientin, dass sie mit 15/16 J. einen Partner hatte, der sie mit der angenommenen Infektion angesteckt haben könnte.
Die Entfernung der Genitalwarzen führte dann dazu, dass die Problematik nun nicht mehr auf der Haut war, sondern von diesem Zeitpunkt an Magenprobleme entstanden.
Dass Krankheiten von einer Körperregion in eine andere „verschoben“ werden können, wird von Homöopathen schon lange beobachtet. Allgemein bekannt ist z.B., dass Neurodermitis, die mit cortisonhaltigen Cremes behandelt wird, häufig in ein Asthma übergeht. Diese Beobachtungen müssen noch wissenschaftlich erklärt werden, dass sie aber zu beobachten sind, steht außer Frage.

Wenn man einen Fall wie den obigen in seiner Obhut hat und die Geschichte kennt, kann man nun unter Kenntnis des Miasmas und zusätzlich der Auswertung der bestehenden auffälligen Symptome, eine homöopathische Arznei finden, die den Patienten heilen kann.

2) Bestimmte Infektionen scheinen Spuren im Erbgut zu hinterlassen (ererbte Miasmen):

Erstaunlicherweise können einige Erkrankungen Einfluss auf das Genom haben, bzw. auf die Gesundheit der nachfolgenden Generationen. Diese Zusammenhänge waren Dr. Hahnemann größtenteils noch fremd. Sie wurden erst von seinen Nachfolgern beobachtet.

Bestimmte Infektionskrankheiten können unter Umständen Spuren bei der nächsten Generation hinterlassen.

Folgende Beobachtungen wurden beispielsweise immer wieder gemacht:
Trat in einer Familie Syphilis auf, hat man sehr häufig bei den nächsten Generationen Fehlbildungen unterschiedlichster gesehen.
Bei Nachkommen Tuberkulosekranker hat man häufiger bestimmte Veränderungen, wie z.B. die Trichterbrust gesehen. Diese Personen neigen, nach Erfahrung der Homöopathen, z.B. auch eher zu Lungenerkrankungen.
Diphtherie bei den Vorfahren hat man häufiger mit Lähmungserscheinungen bei den Nachkommen (das Toxin der Diphtheriebakterien macht Lähmungen, weshalb die Nachkommen dann Lähmungen bekommen können, muss im Detail noch wissenschaftlich geklärt werden) in Verbindung bringen können.
Malaria kann bei Personen, die sie hatten wie auch bei deren Nachkommen Spuren hinterlassen. Man hat beobachtet, dass Personen, deren Vorfahren Malaria hatten, häufiger zu periodischen Neuralgien neigen.
Diese „Spuren im Erbgut“ können homöopathisch behandelt werden. Sie werden nicht gelöscht werden, weil sie im Erbgut verankert sind, aber sie können „beruhigt“ bzw. in Latenz gebracht werden. Erklärbar wird dieses Phänomen wahrscheinlich durch die „Epigenetik“ sein.

Definition laut Wikipedia:

„Die Epigenetik beschäftigt sich mit der epigenetischen Vererbung, d. h. der Weitergabe von Eigenschaften auf die Nachkommen, die nicht auf Abweichungen in der DNA-Sequenz zurück gehen, sondern auf eine vererbbare Änderung der Genregulation und Genexpression.“



Ein Beispiel für ein ererbtes Miasma:

Ererbte Sykose:
2 Monate alter Säugling mit wundem, blau-blutigem Po. Vater und Großvater (beide Ärzte) hatten schon alles mögliche versucht, inklusive Zinksalbe. Nichts half.
Der Junge hatte entzündete Augen, eine entzündete Harnröhre sowie Blähungskoliken gehabt – für den Homöopathen typische Sykosezeichen.
Auf Nachfrage gaben die Eltern an, sie hätten eine entsprechende Infektion (s.o.) gehabt, die antibiotisch behandelt worden sei. (Hier sieht man exemplarisch, weshalb Homöopathen mit antibiotischer Therapie zurückhalten sind. Es gibt gehäuft Beobachtungen, nach denen die antibiotische Behandlung scheinbar nicht tiefgreifend heilt, sondern nur Erreger und Symptome nimmt. Die Krankheit hinterlässt aber dennoch evt. Folgen und dies sogar bei der Nachkommenschaft. Diese Spuren sind allerdings nicht infektiös).
Der Patient bekam homöopathische Arznei, die sowohl bei ererbter Sykose als auch bei den vorliegenden Beschwerden passt. In den nächsten Tagen war der Patient so ausgeglichen und fröhlich wie nie zuvor und nach 4 Tagen war der Po verheilt.

Fazit:

Homöopathen, die das Werkzeug „Miasmatik“ in ihrem Werkzeugkasten haben, sehen, dass viele Beschwerden auf eine oder mehrere Ursachen zurückgeführt werden können. Häufig beobachteten die Homöopathen hier bestimmte Infektionskrankheiten, aber hin und wieder auch ärztliches Maßnahmen, wie Antibiose, Impfungen, zu Hahnemanns Zeiten Aderlässe etc. Interessanterweise scheinen einige dieser Einflüsse Spuren im Erbgut zu hinterlassen.

Da diese Kenntnisse wichtig für die homöopathische Arzneifindung sein können, sind für den miasmatisch arbeiteten Homöopathen, neben der Kenntnis der derzeitigen Symptome, wichtig:
Die Familienanamnese (alle Krankheiten und Fehlbildungen, die bei den Vorfahren auftraten)
Ein Zeitstrahl der gesundheitlichen Auffälligkeiten des Patienten, anhand dessen er z.B. feststellen kann, wann bestimmte Probleme auftraten.

Wer sich beruflich mit dem Werkzeugkasten „Miasmatik“ beschäftigen möchte, sollte mindestens 2 Jahre dafür einplanen. Oben genannte Beispiele sind nur Bruchstücke eines ganzen Lehrgebäudes, das innerhalb der letzten mehr als 200 Jahre von Homöopathen erbaut wurde.
Die wichtigsten Erkenntnisse zur Miasmatik kamen neben Hahnemann u.a. von J.T. Kent J.H. Allen, James Comptom Burnett.

Wer sich mit dieser Thematik beschäftigen möchte, kann entweder unsere Laien- oder Therapeutenkurse an der DGMH-Akademie besuchen oder/und mit folgenden Büchern beginnen, die sowohl für Laien als auch für Therapeuten geeignet sind:

Gerhard Risch: Homöopathie ist (k)eine Kunst, Verlag Müller und Steinicke München (Etwas ausführlicher) ISBN 3-87569-131-8,
13,00 Euro
Gerhard Risch: Homöopathik - Die Lehrmethode Hahnemanns, Pflaum-Verlag (Für den anspruchsvollen Laien oder beginnenden Homöopathen) ISBN 3-7905-0787-3, 25,00 Euro

Weitere Literaturtipps finden Sie hier